meine mutter ::: 141/365

War sie der grosse Engel
Der neben mir ging?

Oder liegt meine Mutter begraben
Unter dem Himmel von Rauch -
Nie blüht es blau über ihrem Tode.

Wenn meine Augen doch hell schienen
Und ihr Licht brächten!

Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz
Ich würde es über ihr Grab hängen.

Aber ich weiss einen Stern,
Auf dem immer Tag ist
Den will ich über ihre Erde tragen.

Ich werde jetzt immer ganz allein sein
Wie der grosse Engel,
Der neben mir ging.

(Else Lasker-Schüler)

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Ich weiß nicht, wie ich jemals eine schwierige Phase in meinem Leben ohne Gedichte von Else überstanden habe. Oder wie irgend jemand das könnte.

an m. ::: 140/365

Der du meine Wege mit mir gehst,
jede Laune meiner Wimper spürst,
meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst
Weist du wohl, wie sehr du mich oft rührst?

Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
Meine Liebe wird mich überdauern
und in fremden Kleidern dir begegnen
und dich segnen.

Lebe, lache gut! Mache deine Sacht gut!

(Joachim Ringelnatz)

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Einer ist vorausgegangen, einer mehr. Und so wie ich die Liebe derer immer spüre, die ich verloren habe, wünsche ich, dass seine Liebe seine Liebsten einhüllen wird, alle Tage, die sie noch ohne ihn erleben werden.

(Für K., für euch alle, ihr Lieben. Sein Licht brennt immer weiter.)

 

 

ich weiß ::: 116/365

Ich weiß, daß ich bald sterben muß
Es leuchten doch alle Bäume
Nach langersehntem Julikuß -

Fahl werden meine Träume -
Nie dichtete ich einen trüberen Schluß
In den Büchern meiner Reime.

Eine Blume brichst du mir zum Gruß -
Ich liebte sie schon im Keime.
Doch ich weiß, daß ich bald sterben muß.

Mein Odem schwebt über Gottes Fluß -
Ich setze leise meinen Fuß
Auf den Pfad zum ewigen Heime.

(Else Lasker-Schüler)

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Das Gedicht umschwebt mich schon seit Monaten. Berührt mich. Geht nicht mehr weg. Aber irgendwie war es zum Posten immer – zu viel. Eigentlich ist es das auch heute, viel zu viel, aber heute ist der Tag.

(Für C. Ich denk an dich.)

Engel (Foto: Isolde Ohlbaum)

Engel (Foto: Isolde Ohlbaum)

mein sterbelied ::: 113/365

Die Nacht ist weich von Rosensanftmut;
Komm gib mir deine beiden Hände her,
Mein Herz pocht spät
Und durch mein Blut
Wandert die letzte Nacht und geht
Und naht so weit und ewig wie ein Meer.

Und hast du mich so sehr geliebt,
So nimm das Jubelndste von deinem Tag,
Gib mir das Gold, das keine Wolke trübt.

Es wallen Harmonien aus der Nachtlandferne -
Ich ziehe ein und werde Leben sein
Und Leben mich an Leben schmiegen,
Wenn über mir Paradiessterne
Ihre ersten Menschen wiegen.

(Else Lasker-Schüler)

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Zurück von der wunderbaren Wintersee. Und zurück bei Else. War nur ein kleiner Ausflug zu Eva Strittmatter gestern. Wegen des Lächelns. Aber es bleibt noch ein wenig bei Lasker-Schüler.
Noch ein wenig.

mein herz ruht müde ::: 111/365

Mein Herz ruht müde
Auf dem Samt der Nacht
Und Sterne legen sich auf meine Augenlide…

Ich fließe Silbertöne der Etüde —
Und bin nicht mehr und doch vertausendfacht.
Und breite über unsere Erde: Friede.

Ich habe meines Lebens Schlussakkord vollbracht –
Bin still verschieden — wie es Gott in mir erdacht:
Ein Psalm erlösender — damit die Welt ihn übe.

(Else Lasker-Schüler)

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Ach, Else. Es geht doch immer um die großen Dinge, stimmt’s?

von guten mächten ::: 108/365

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das Du uns bereitet hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.

Laß warm und hell die Kerzen heute flammen,
die Du in unser Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

(Dietrich Bonhoeffer)

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Dieses Gedicht kenne ich schon lange. Ich liebte es und hasste es und konnte monatelang nicht ertragen, es zu lesen oder, schlimmer noch, das Lied zu hören (zu singen!). Weiterlesen

aufhorchen ::: 104/365

Ein Klang so zart, ein Hauch so neu
Geht durch den grauen Tag,
Wie Vogelfllügelflattern scheu,
Wie Frühlingsduft so zag.

Aus Lebens Morgenstunden her
Erinnerungen wehn,
Wie Silberschauer überm Meer
Aufzittern und vergehn.

Vom Heut zum Gestern scheint es weit,
zum lang Vergessnen nah
Die Vorwelt liegt und Märchenzeit,
Ein offner Garten, da.

Vielleicht ist heut mein Urahn wach,
Der tausend Jahr geruht
Und nun mit meiner Stimme sprach,
Sich wärmt in meinem Blut.

Vielleicht ein Bote draußen steht
Und tritt gleich bei mir ein;
Vielleicht, noch eh der Tag vergeht,
Werd ich zu Hause sein.

(Hermann Hesse)

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Das hier ist das Erstaunlichste: es geht um Aufbruch und um Sterben zugleich. Ich konnte mich heute nicht entscheiden, deshalb gibt es zwei Hesse-Gedichte. Dieses ist jedoch dasjenige, das mich zutiefst berührt. Und das mir. Der alten Hesse-Verachterin. Ich sag ja, es ist auch ein bisschen “Alterslyrik” . Im ganz positiven Sinn. Natürlich.

gebet ::: 77/365

Oh Gott, ich bin voll Traurigkeit…
Nimm mein Herz in deine Hände -
Bis der Abend geht zu Ende
In steter Wiederkehr der Zeit.

Oh Gott, ich bin so müd, o, Gott,
Der Wolkenmann und seine Frau
Sie spielen mit mir himmelblau
Im Sommer immer, lieber Gott.

Und glaube unserm Monde, Gott,
Denn er umhüllte mich mit Schein,
Als hilflos noch und klein,
– Ein Flämmchen Seele.

Oh, Gott und ist sie auch voll Fehle -
Nimm sie still in deine Hände…
Damit sie leuchtend in dir ende.

(Else Lasker-Schüler)

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Ich mach die Sterbe-Woche doch mit. Irgendwie geht das Thema diese Woche nicht weg und mir fallen nur solche Gedichte ein. Und wenn sie mir nicht einfallen, finde ich sie. Oder sie finden mich.

Wahrscheinlich ist das gut so. Irgendwie. Traurig, aber gut.

rufe nicht ::: 76/365

Lege den Finger auf den Mund.
Rufe nicht.
Bleibe stehen am Wegrand.
Vielleicht solltest du dich hinlegen
in den Staub.
Dann siehst du in den Himmel
und bist eins mit der Straße,
und wer sich umdreht nach dir
kann gehen als lasse er niemand zurück.
Es geht sich leichter fort,
wenn du liegst als wenn du stehst,
wenn du schweigst als wenn du rufst.
Sieh die Wolken ziehn.
Sei bescheiden, halte nichts fest.
Sie lösen sich auf.
Auch du bist sehr leicht.
Auch du wirst nicht dauern.
Es lohnt sich nicht Angst zu haben
vor Verlassenheit,
wenn schon der Wind steigt
der die Wolke verweht.

(Hilde Domin)

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Ich habe das Gedicht einsortiert unter “Gedichte über Tod und Sterben” und war mir nicht sicher, dass das zutrifft. Es ist so ein helles, zuversichtliches Gedicht, eins, das nicht von Trauer und Verlust handelt, sondern von Loslassen, Leichtsein und Veränderung. Eins, das eher von Verwandlung handelt als von Verderben.

Sterben. Wenn ich mir ein Gedicht aussuchen müsste, das beschreibt, wie ich mir Sterben vorstelle, vielleicht wünschen würde, dann wäre es dieses.

letztes lied ::: 75/365

Ich werde fortgehn, Kind.
Doch Du sollst leben
und heiter sein.
In meinem jungen Herzen
brannte das goldene Licht.
Das hab´ich Dir gegeben.
Und nun verlöschen meine Abendkerzen.

Das Fest ist aus,
der Geigenton verklungen.
Gesprochen ist das letzte Wort.
Bald schweigt auch sie,
die dieses Lied gesungen.
Sing Du es weiter, Kind,
denn ich muss fort.

Den Becher trank ich leer,
im raschen Zug.
Und weiß,wer davon kostet,
muss sterben.
Du aber, Kind,
sollst erben.
Und all den Segen,
den es in sich trug.

Mir war das Leben
wie ein Wunderbaum
von dem in Sommernächten Psalmen tönen.
Nun sind die Tage
wie ein geträumter Traum.
Und alle meine Nächte,
alle Tränen.

Und war es froh.
Mein Herz war so bereit.
Und Gott war gut.
Nun nimmt er alle Gaben.
In Deiner Seele, Kind,
kommt einst die Zeit.
Soll, was ich nicht erlebt,
Erfüllung haben.

Ich werde still sein,
doch mein Lied geht weiter.
Gib Du ihm Deinen klaren, reinen Ton.
Du sei ein großer Mann,
mein kleiner Sohn.
Ich bin so müde,
aber Du sei heiter.

(Mascha Kaléko)

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Ich hatte das Gedicht völlig vergessen, aber diese anstrengende Sterbe-Woche in der ARD hatte zur Folge, dass in irgend einem dritten Programm ein Film mit Wotan Wilke Möhring wiederholt wurde, in dem er den Mann einer Selbstmörderin spielt, der mit zwei Kindern zurückbleibt und versucht, den Suizid seiner Frau zu verarbeiten. Und für seine Kinder gleich mit.

Es ist ein wunderbares, unsagbar trauriges Gedicht. Und eigentlich mag ich es dennoch nicht.